Livre des simples medecines“, Codex Bruxellensis IV.1024
Codex Bruxellensis ist die Bezeichnung für eine spätmittelalterliche illuminierte Handschrift der französischen Arzneibuch- und Kräuterkundler-Tradition, die in der modernen Literatur vor allem unter dem Titel „Livre des simples medecines – Codex Bruxellensis IV.1024“ bekannt ist. Es handelt sich um eine reich bebilderte französische Fassung des lateinischen pharmakognostischen Werks „Circa instans“, das dem Salernitaner Arzt Matthaeus Platearius zugeschrieben wird. Die Handschrift wird heute in der Königlichen Bibliothek Belgiens (Bibliothèque Royale de Belgique) in Brüssel aufbewahrt und gilt als eine der bedeutendsten bildlichen Zeugnisse der abendländischen Pharmakobotanik des 15. Jahrhunderts.
Überblick
- Signatur: Codex Bruxellensis IV.1024 (Königliche Bibliothek Belgiens, Brüssel)
- Entstehungszeit: 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, um ca. 1480, Frankreich
- Umfang: 466 Seiten, Format 29,0 × 21,2 cm
- Sprache: Französisch
- Schrift: Französische littera bastarda, elegant, in dunkler Tinte
- Bilder: 461 Miniaturen, davon 394 Pflanzendarstellungen, 10 Tierabbildungen, 11 Mineraldarstellungen sowie 46 weitere Illustrationen
- Inhalt: „Livre des simples medecines“, eine französische Bearbeitung von „Circa instans“, ergänzt durch weitere Quellen, darunter der arabische Arzt Ibn Butlan („Tacuinum sanitatis“) und pseudo-apuleianische Schriften
Handschriftenkundliche Daten (Kodikologie)
- Typ: Beutelschrift (littera bastarda), gotische Buchschrift in französischer Sprache
- Material: Pergament-Handschrift mit reichem Bildschmuck
- Format: 29,0 × 21,2 cm, 466 Seiten
- Herkunft: Frankreich, spätes 15. Jahrhundert (2. Hälfte)
- Stil: Gotische Buchmalerei, mit naturalistischen Pflanzenbildern und szenischen Darstellungen (z. B. zur Gewinnung von Balsam)
- Bildprogramm:
- 461 Miniaturen, überwiegend farbig und naturgetreu gestaltet
- Schwerpunkt auf pflanzlichen „Simples“ (einfachen Heilmitteln), daneben Tier- und Mineraldarstellungen
- Viele Bilder ohne Hintergrund oder Rahmen, Pflanzen werden meist mit Wurzeln dargestellt – eine in der antiken und mittelalterlichen Botanik übliche Konvention
Inhalt und Werkaufbau
Der Codex Bruxellensis IV.1024 ist eine illuminierte Abschrift des „Livre des simples medecines“, einer französischen Übersetzung und Bearbeitung des lateinischen Werks „Circa instans“. Das „Circa instans“ entstand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Umfeld der medizinischen Schule von Salerno und wird Matthaeus Platearius zugeschrieben. Es stellt ein alphabetisch geordnetes Handbuch der „Simples“ dar – pflanzlicher, mineralischer und tierischer Heilmittel – und beschreibt Aussehen, Herkunft, medizinische Eigenschaften und Anwendungsbereiche dieser Substanzen.
Im Codex Bruxellensis sind mehrere Quellenschichten miteinander verknüpft:
- Grundtext:
- „Circa instans“ / „Book of Simple Medicines“ von Matthaeus Platearius (12. Jh.), in französischer Übersetzung als „Livre des simples medecines“
- Zwischenstufe:
- „Tractatus de herbis“ von Bartholomäus Mini von Siena, eine illustrierte lateinische Abhandlung, die auf Platearius aufbaut und zusätzliche Texte integriert
- Ergänzende Quellen:
- pseudo-apuleianisches „De virtutibus herbarum“ („Kräfte der Kräuter“)
- „Livre des secres de nature“ (Buch der Geheimnisse der Natur)
- Arabisch geprägte Medizin, insbesondere Ibn Butlans „Tacuinum sanitatis“
Zusammen ergibt dies eine umfangreiche, enzyklopädisch angelegte Pharmacopoeia des späten 15. Jahrhunderts, die das pharmazeutische und botanische Wissen der Zeit kompiliert und bildlich visualisiert.
Miniaturen und Ikonographie
Die Miniaturen des Codex Bruxellensis nehmen eine Sonderstellung innerhalb der Überlieferung des „Livre des simples medecines“ ein:
- Hohe Anzahl:
- 461 Miniaturen in einer einzigen Handschrift, davon 394 Pflanzendarstellungen – eine ungewöhnlich reiche Bebilderung.
- Naturalismus:
- Die Bilder zeichnen sich durch vergleichsweise naturalistische Pflanzendarstellungen aus; mehrere Autoren betonen, dass sie offenbar auf direkter Naturbeobachtung beruhen und nicht bloß schematische Kopien älterer Vorlagen sind.
- Szenische Ergänzungen:
- Einige Miniaturen zeigen nicht nur die Pflanze, sondern auch deren geographisches Habitat und die Gewinnung von Heilmitteln, etwa die Gewinnung von Balsam aus dem Balsambaum unter Einbeziehung von Personen und Architektur.
- Konventionelle Darstellung:
- Die meisten Pflanzenabbildungen sind ohne Hinter- oder Rahmen in den dafür vorgesehenen Platz gesetzt; Pflanzen werden einschließlich ihrer Wurzeln gezeigt, wie es seit der Antike in medizinischen Kräuterbüchern üblich war.
Die Bildsprache dient dabei primär der Identifikation der beschriebenen Heilmittel und der Vermeidung von Verwechslungen – ein zentrales Anliegen der spätmittelalterlichen Pharmakognosie, in der zahlreiche einheimische und importierte Drogen unter verschiedenen Namen kursierten.
Textliche Überlieferung und Stellung des „Livre des simples medecines“
Das „Livre des simples medecines“ ist die französische Übersetzung des lateinischen Werks „Circa instans“, das im 12. Jahrhundert an der medizinischen Schule von Salerno entstand und Matthaeus Platearius zugeschrieben wird. Es gehört zur Tradition der „Tractatus de herbis“-Handschriften, die auf „Circa instans“ zurückgehen und durch Auszüge aus antiken (z. B. Dioscorides, Pseudo-Apuleius) und arabisch-lateinischen Quellen erweitert wurden.
Wichtige Punkte zur Überlieferung:
- „Circa instans“:
- lateinisches Lehrbuch der „Simples“ (einfacher Heilmittel), alphabetisch geordnet
- basiert wesentlich auf Dioscorides und Plinius, gilt als eine der ersten „modern“ anmutenden Pharmacopoeien des Abendlandes
- Französische Übersetzung:
- „Le Livre des simples medecines“ ist die französische Adaptation von „Circa instans“ und Teil einer umfangreichen Handschriftentradition.
- Handschriftenzahl:
- Es sind mehr als 25 illuminierte Abschriften des „Livre des simples medecines“ aus dem 15. und 16. Jahrhundert in verschiedenen Bibliotheken überliefert, was die große Popularität des Werks belegt.
- Druckgeschichte:
- Die französische Tradition mündet in den ersten gedruckten französischen Kräuterbuch, „Le Grant Herbier en françoys“, das wiederum Grundlage für die englische „Grete Herball“ wurde.
Der Codex Bruxellensis IV.1024 gehört zu den am reichsten illuminierten Zeugen dieser Texttradition.
Entstehungskontext und kultureller Hintergrund
Der Codex Bruxellensis steht im Kontext:
- der Salernitanischen Medizin:
- Matthaeus Platearius war als Arzt an der renommierten medizinischen Schule von Salerno tätig, einer der ersten institutionalisierten medizinischen Ausbildungsstätten Europas.
- der arabisch-lateinischen Wissensvermittlung:
- Das Werk baut nicht nur auf antiken Autoren (Dioscorides, Plinius) auf, sondern integriert auch über arabische Vermittlung (z. B. Konstantin der Afrikaner, Ibn Butlan) nach Westeuropa gelangtes medizinisches und pharmazeutisches Wissen.
- der volkssprachlichen Medizinliteratur:
- Die Übertragung in die französische Sprache („Livre des simples medecines“) machte das Fachwissen auch Ärzten, Apothekern und Laien zugänglich, die des Lateinischen nicht mächtig waren. Dies entspricht dem Trend zur Vermittlung von Fachwissen in Volkssprachen im späten Mittelalter.
Facsimile-Ausgaben und moderne Bearbeitungen
Der Codex Bruxellensis ist durch mehrere moderne Editionen und Faksimiles erschlossen:
- Facsimile-Ausgabe:
- „Livre des Simples Medecines: Codex Bruxellensis IV.1024“, De Schutter, Antwerpen 1984. Die Ausgabe erschien in einer limitierten Auflage von 2000 Exemplaren und umfasst:
- einen Band mit Faksimile der Handschrift,
- einen Band mit Einleitung, Kommentar, adaptiertem Text und englischer Übersetzung von Carmélia Opsomer, Enid Roberts und William T. Stearn.
- „Livre des Simples Medecines: Codex Bruxellensis IV.1024“, De Schutter, Antwerpen 1984. Die Ausgabe erschien in einer limitierten Auflage von 2000 Exemplaren und umfasst:
- Bibliothekarische Nachweise:
- Die Ausgabe ist in mehreren wissenschaftlichen Bibliotheken (z. B. Wellcome Collection, Stanford University Library) nachgewiesen und als zweibändiges Werk mit Faksimile- und Kommentarband beschrieben.
Diese Editionen haben wesentlich zur wissenschaftlichen Erschließung und Popularisierung des Codex beigetragen.
Aufbewahrung und Bedeutung
- Aufbewahrungsort:
- Die Handschrift wird unter der Signatur MS IV 1024 in der Königlichen Bibliothek Belgiens (Bibliothèque Royale de Belgique) in Brüssel aufbewahrt.
- Historische Bedeutung:
- Der Codex Bruxellensis IV.1024 ist ein zentraler Zeuge der spätmittelalterlichen Pharmakognosie und Botanik:
- Er dokumentiert den Übergang von rein textorientierten Arzneibüchern zu stark bebilderten Nachschlagewerken, in denen die Visualisierung von Drogen eine zentrale Rolle spielt.
- Er zeigt die Verknüpfung antiker, arabischer und abendländischer medizinischer Traditionen in einem einzigen, reich illuminierten Objekt.
- Er ist einer der am reichsten bebilderten Vertreter der „Livre des simples medecines“-Tradition und somit von großer Bedeutung für die Geschichte der medizinischen Illustration.
- Der Codex Bruxellensis IV.1024 ist ein zentraler Zeuge der spätmittelalterlichen Pharmakognosie und Botanik:
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