Möglicherweise “letzter Sommer in Frieden”: Wie nah sind wir dem Krieg wirklich?
Der Historiker Sönke Neitzel warnte kürzlich vor dem “letzten Friedenssommer” für uns Deutsche. Russland könnte bald zu einem neuen Angriff ausholen, glaubt er. Wie realistisch ist ein größerer Krieg?
Die Aussage klingt bedrohlich. Im Interview mit der “Bild”-Zeitung warnte der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam vor weiteren militärischen Operationen Russlands. Es sei möglicherweise der „letzte Friedenssommer für uns Deutsche“.
Neitzel, der sich immer wieder medienwirksam zum Ukraine-Konflikt äußert, glaubt, dass sich der Krieg auf andere Teile Europas ausweiten könnte. Und das schon bald. “Wir sehen eine in Bewegung geratene sicherheitspolitische Weltlage durch Putin, durch Trump. Wir sehen die Ankündigung eines großen Manövers der Russen in Belarus”, so der Militärhistoriker im Gespräch mit dem Boulevard-Blatt.
“Wir sehen die sehr große Angst der baltischen Staaten, dass die Russen im Zuge dieses Manövers über die Grenze kommen. Und wir sehen, dass dann wahrscheinlich die Beistandsklausel der Nato zumindest für die USA nicht mehr greift, die Abschreckung ist geschwächt.”
Neitzel: Europa muss auf weitere Eskalationen vorbereitet sein
Für Neitzel ist klar, dass Europa vorbereitet sein muss auf potenzielle weitere Eskalationen. Er meint: “Ob ein solcher Krieg kommt, hängt davon ab, wie die Nato insgesamt reagiert, welche Rolle Trump spielt, welche Rolle die Europäer spielen, ob es einen Frieden gibt in der Ukraine, wie auch immer der aussieht.”
Die Lage scheint ernst. Allerdings zeigt sich nicht jeder Beobachter so alarmiert wie der Militärhistoriker. Klemens Fischer, Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Universität zu Köln, sieht Neitzels Einschätzung kritisch.
“Vorhersagen dieser Art sind immer ein Blick in die Glaskugel und das Verbreiten oder Schüren von Panik ist ebenso wenig hilfreich wie die Verleugnung der eigenen, europäischen Schwäche im Verteidigungsbereich”, sagt er zu FOCUS online.
Die Befürchtung, Russland könnte weitere europäische Länder angreifen, hängt mit dem sogenannten “Zapad-Manöver” in Belarus zusammen. Es ist eine militärische Großübung russischer und weißrussischer Streitkräfte, die laut Fischer “schon zu Sowjetzeiten in den Jahren 1973, 1977, 1981, 1984 und 1985 abgehalten wurde”.
Sicherheitsexperten warnen vor Kriegsgefahr für Europa
“Offiziell nahm Russland diese Manöver im Jahre 2009 wieder auf”, sagt er. Brisant ist, dass wenige Monate nach der Zapad-Aktion im Herbst 2021 die Ukraine-Invasion begann. Beteiligt waren laut Medienberichten auch russische Einheiten, die während der Übung an die Grenze zur Ukraine verlegt wurden.
Einige Experten – neben Neitzel auch die Russland-Kennerin Sabine Adler – glauben, “Zapad 2025” könnte eine gezielte Vorbereitung auf neue militärische Großoperationen sein. Fischer kann den Gedankengang zwar nachvollziehen. Er weist aber auch auf widersprüchliche Berichte aus der jüngsten Vergangenheit hin.
So warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar: Russland wolle Soldaten nach Belarus verlegen und tarne das Ganze als Militärübung. Selenskyj berief sich auf nachrichtendienstliche Erkenntnisse.
“Die litauischen Streitkräfte, vor deren Haustüre das Manöver stattfinden wird, beobachten sämtliche Truppenbewegungen und kommen zu einem anderen Ergebnis”, sagt Fischer. Er bezieht sich auf einen Bericht des “Kyiv Independent”. Laut der Pressestelle der litauischen Streitkräfte gab es zumindest bis zum 25. Februar keine Anzeichen dafür, dass “Truppen näher an Litauen verlegt werden”.
“Alle Mittel bündeln, um Europa verteidigungsfähig zu machen”
Für Fischer, der im Bereich Völkerrecht promoviert hat, steht fest: “Die einzig richtige Antwort auf die widerstreitenden Aussagen ist es, sofort alle Mittel zu bündeln, um Europa verteidigungsfähig zu machen.” Nicht in zehn und auch nicht in fünf Jahren, sondern jetzt.
“Russland ist derzeit nicht in der Lage, eine weitere Front aufzumachen. Die beste Versicherung, den Krieg von unserer Grenzen fern zu halten, ist Abschreckung”, meint der Geopolitik-Professor. In seinen Augen ist es nicht nur sinnvoll, die eigenen Verteidigungskapazitäten hochzufahren, sondern auch, die USA als verlässlichen Partner zu halten.
Wie es mit Blick auf den Ukraine-Krieg weitergeht, ist derweil unklar. Amerikanische und russische Vertreter verhandeln momentan in Saudi-Arabien über mögliche Schritte zu einer Waffenruhe und einem anschließenden Frieden. Die Ukraine hat Trumps Vorschlag zu einer zunächst auf 30 Tage befristeten Waffenruhe bereits zugestimmt. Russlands Präsident Wladimir Putin stellte jedoch Vorbedingungen.
Bei Gesprächen in Riad wird es wohl ums Schwarze Meer gehen
In Riad wird es voraussichtlich um den Verzicht auf Schläge gegen Energieobjekte und eine Feuerpause im Schwarzen Meer gehen. Fischer blickt ernüchtert auf die Gespräche. “Aus ukrainischer Sicht ist mit einer Waffenruhe im Schwarzen Meer wenig zu gewinnen”, sagt er.
“Die Nadelstiche gegen die russische Schwarzmeerflotte sind zwar nicht kriegsentscheidend, sie haben Russland aber gehörig blamiert und zugleich gezwungen, unverhältnismäßig viele Absicherungsanstrengungen vorzunehmen.” Von einer Feuerpause im Schwarzen Meer würde also vor allem Russland profitieren.
Ohnehin sind die USA in Fischers Augen kein neutraler Vermittler. In dieser Rolle sehen sie sich selbst auch nicht, sagt er. “Trump hat nie behauptet, neutral zu sein. Seine erklärtes Ziel war von Anfang an, diesen Krieg so rasch möglich zu beenden, da er nicht zuletzt den USA schadet.”
Bleibt die Frage, ob es in naher Zukunft zu einem Durchbruch im Ukraine-Krieg kommen wird. Fischer, der fast 30 Jahre lang Angehöriger der österreichischen EU-Botschaft in Brüssel war und an entscheidenden Verhandlungen der europäischen Integration teilgenommen hat, gibt sich zurückhaltend.
Die drei Stufen von Verhandlungen
“Verhandlungen sind stets dreistufig: Vorbereitung, Verhandlung, Umsetzung”, sagt er. “Geht man vom großen Ganzen, also einem Friedensvertrag aus, dann befinden wir uns am Beginn der ersten Phase, nämlich den Verhandlungen über eine Waffenruhe, die den Verhandlungen über einen Waffenstillstand vorausgehen.”
Erst, wenn ein Waffenstillstand erreicht ist, kann über einen Friedensvertrag verhandelt werden, erklärt Fischer. Er betont aber auch, dass nicht immer alle drei Phasen eintreten. Im Koreakrieg in den 1950er Jahren kamen die Konfliktparteien zum Beispiel nicht über einen Waffenstillstand hinaus.
“Der von allen ersehnte Durchbruch bei Verhandlungen kann nur ganz oder gar nicht kommen”, so der Geopolitik-Professor. “In dem Moment, indem sich Trump und Putin an einen Tisch setzen, muss ein Gesamtpaket geschnürt sein, das neben der Ukraine auch den Nahen Osten sowie Nordafrika umfasst.”
Immerhin geht es, so vermutet Fischer, am Ende um eine “Neuordnung der globalen Sicherheitspolitik”. Also weit mehr als nur die Ukraine.